06. März 2026

"Das Stipendium ist Ansporn für meinen weiteren Weg“

privat

Mit Dr. Jürgen Ehret erhält erstmals ein angehender Praxisinhaber das Dr. Berthold Dietsche Stipendium. Kurz vor seiner Niederlassung in Hechingen spricht er darüber, was ihn aus der Klinik in die Hausarztpraxis geführt hat, wie er die Versorgungslage vor Ort einschätzt und wofür er die Förderung konkret nutzen will.

 

Was bedeutet es Ihnen, der erste Stipendiat zu sein – persönlich und mit Blick auf Ihre Praxisgründung?

Der erste Stipendiat des Dr. Berthold Dietsche Stipendiums zu sein, erfüllt mich mit großer Dankbarkeit und Freude. Dr. Berthold Dietsche hat sich über viele Jahre mit beeindruckender Klarheit und Beharrlichkeit für eine Hausarztmedizin eingesetzt, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt. Dass ich persönlich durch dieses Stipendium gefördert werde, empfinde ich als besondere Wertschätzung und als wichtigen Ansporn für meinen weiteren Weg.

Für meine Praxisgründung bedeutet die Förderung weit mehr als finanzielle Unterstützung. Sie gibt mir echten Rückenwind: Ich kann von Beginn an Strukturen schaffen, die qualitativ hochwertig, nachhaltig und konsequent patientenorientiert sind. Gleichzeitig sehe ich mich in einer Vorreiterrolle. Als erster Stipendiat möchte ich zeigen, dass es viele Wege gibt, eine Praxis zu führen – und dass hausärztliche Tätigkeit nicht nur medizinisch anspruchsvoll, sondern auch zutiefst sinnstiftend und erfüllend sein kann. Wenn ich damit andere junge Ärztinnen und Ärzte ermutigen kann, diesen Weg einzuschlagen, wäre das für mich ein besonders wertvoller Beitrag.

Sie waren zunächst in der Klinik. Was hat Sie zur Niederlassung bewegt und was nehmen Sie aus der Klinikzeit für die Praxis mit?

Der Wunsch, Hausarzt zu werden, begleitet mich seit meiner Kindheit – inspiriert von meinem Onkel, der selbst Hausarzt ist. Um meinem Anspruch gerecht zu werden, habe ich meine Weiterbildung bewusst breit angelegt: Notfallmedizin, Suchtmedizin, Palliativmedizin, Betriebsmedizin und Reisemedizin waren für mich zentrale Bausteine. Besonders die betriebsmedizinische Erfahrung hilft mir heute, gesundheitliche Herausforderungen im Arbeitsalltag besser zu verstehen und meine Patientinnen und Patienten umfassend zu beraten.

Seit ich Vater bin, hat sich mein Blick auf beruflichen Alltag und Verlässlichkeit verändert. Die Vereinbarkeit von Familie und medizinischer Verantwortung ist mir wichtiger geworden, und die Niederlassung bietet mir genau diesen Rahmen: Verantwortung zu übernehmen, ohne dauerhaft in Schicht-, Wochenend- und Bereitschaftsdiensten eingebunden zu sein. So entsteht mehr Selbstbestimmtheit – für meine Familie und für mich.

Aus meiner Klinikzeit, die ich in der Inneren Medizin sowie überwiegend in neurologischen, chirurgischen und interdisziplinären Notaufnahmen verbracht habe, nehme ich viel mit: eine ausgeprägte Triagekompetenz, ein gutes Gespür für Dringlichkeiten und die Fähigkeit, auch unter Druck klare Entscheidungen zu treffen. Gleichzeitig habe ich erlebt, wie schwer sich viele Menschen im Gesundheitssystem zurechtfinden. Diese Erfahrung hat meinen Wunsch bestärkt, als Hausarzt nicht nur medizinischer Ansprechpartner zu sein, sondern auch Lotse – jemand, der Orientierung gibt, Zusammenhänge erklärt und Patientinnen und Patienten sicher durch ein komplexes System begleitet.

Sie gründen Ihre Praxis in Hechingen. Wo sehen Sie dort die größten Herausforderungen und wo das größte Potenzial?

In Hechingen sehe ich eine Mischung aus großen Chancen und klaren Herausforderungen, wie sie für eine Praxisneugründung typisch sind. Als lokales „Greenhorn“ habe ich bewusst in der Notaufnahme in Balingen begonnen, um die regionalen Versorgungsstrukturen besser zu verstehen. Dort zeigt sich täglich, wie viele Menschen ohne Hausärztin oder Hausarzt medizinische Hilfe suchen – ein deutlicher Hinweis darauf, wie dringend zusätzliche hausärztliche Kapazitäten benötigt werden.

Aufgrund dieser Nachfrage ist eine Praxisneugründung auch ohne Übernahme eines bestehenden Patientenstamms möglich. Gleichzeitig bringt eine Neugründung naturgemäß Unsicherheiten mit sich: organisatorischer Aufwand, wirtschaftliches Risiko und der Aufbau eines verlässlichen Patientinnen- und Patientenstamms sind anspruchsvolle Aufgaben. Auch das Phänomen des Patientenhoppings sehe ich als Herausforderung, da manche Patientinnen und Patienten anfangs lediglich testen möchten, wie „der Neue“ arbeitet oder verordnet. Dieses Verhalten erschwert eine kontinuierliche Versorgung, führt zu Informationsverlusten und belastet das System durch unnötige Doppeluntersuchungen. Deshalb ist es mir wichtig, früh klare Strukturen zu schaffen und solchen Entwicklungen entgegenzuwirken – es bleibt eine besondere Herausforderung, jedem Menschen individuell gerecht zu werden.

Die Chancen überwiegen jedoch deutlich: Hechingen bietet mir die Möglichkeit, eine moderne Praxis nach meinen Vorstellungen von Grund auf neu zu gestalten. So kann ich stabile Arzt Patientinnen- und Patientenbeziehungen aufbauen und die regionale Gesundheitsversorgung aktiv mitgestalten. Genau darauf freue ich mich.

Was ist der Kern Ihres Praxiskonzepts und wofür sollen Patientinnen und Patienten in Hechingen Sie künftig besonders kennen?

Der Kern meines Praxiskonzepts ist eine moderne, patientenzentrierte Hausarztpraxis, die digitale Möglichkeiten sinnvoll nutzt, ohne die persönliche Beziehung zu ersetzen. Ich habe verschiedene Praxismodelle analysiert und gesehen, dass digitale Angebote – richtig eingeführt – von allen Altersgruppen gut angenommen werden. Meine Promotion zur Technikakzeptanz hat gezeigt, dass die Bevölkerung gegenüber digitalen Systemen in der Medizin aufgeschlossen ist, sofern sie eine Nützlichkeit darin erkennt.

Geplant sind ein Smart-Call-System, Online-Termine, digitale Anamnesen und Formulare, Videosprechstunden, digitale Rezept- und Überweisungsanforderungen sowie eine digitale Sprechstundenassistenz. Ergänzend kommen smarte Diagnosehilfen zum Einsatz, die in mehreren Sprachen unterstützen und Zeit für persönliche Betreuung schaffen.

Mir ist bewusst, dass sich viele Strukturen nur schrittweise etablieren lassen. Entscheidend ist für mich, dass Digitalisierung ein hilfreiches Werkzeug bleibt. Ich möchte, dass die Menschen in Hechingen mich als Hausarzt erleben, der Technik so einsetzt, dass mehr Raum für Gespräche und eine verlässliche Begleitung durch alle Lebensphasen bleibt.

Wofür möchten Sie die Förderung konkret einsetzen und was versprechen Sie sich davon?

Ein großer Teil soll in die Fort- und Weiterbildung meines Teams fließen. Eine moderne Praxis kann nur dann wirklich gut funktionieren, wenn alle Mitarbeitenden fachlich sicher sind, sich weiterentwickeln können und Freude an ihrer Arbeit haben. Gut geschultes Personal ist für mich die Grundlage einer hochwertigen, patientennahen Versorgung.

Den zweiten Teil der Förderung plane ich in die Praxisausstattung und Infrastruktur zu investieren – insbesondere in Bereiche, die medizinisch sinnvoll, aber betriebswirtschaftlich schwer darstellbar sind. Dazu gehört zum Beispiel die Anschaffung eines eigenen Langzeit EKGs inklusive Kooperation mit einer LZ-EKG-Gemeinschaft. Dies ermöglicht eine umfassendere Diagnostik und damit eine deutlich ganzheitlichere Versorgung meiner Patientinnen und Patienten.

 

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