19. September 2025
Das war die Herbsttagung 2025
© HÄV / Marco Urban
Ein zentrales Thema war die geplante Einführung eines verbindlichen Primärarztsystems. Die Delegierten bekräftigten, dass die Hausarztzentrierte Versorgung (HZV) sich mit über 10 Millionen teilnehmenden Versicherten als Goldstandard einer patientenzentrierten, koordinierten Versorgung etabliert hat. Die Bundesregierung wurde nachdrücklich aufgefordert, die HZV als steuernde Struktur im Gesundheitssystem auszubauen und die Umsetzung des Koalitionsvertrags konsequent voranzutreiben. Auch die hausärztliche Steuerung in der Notfall- und Akutversorgung wurde als entscheidend für die Zukunft betont, um bestehende Strukturen besser zu vernetzen. Die Delegierten forderten, dass Facharzttermine künftig vorrangig über die hausärztlich koordinierte Versorgung vergeben werden. Die Delegiertenversammlung spricht sich dafür aus, bundesweit flächendeckende Hausarzt-Facharzt-Verträge einzuführen und Krankenkassen, die solche Verträge abschließen, gezielt zu fördern.
Herausforderungen: GKV-Finanzierung und Demografie
Im Bericht der Bundesvorsitzenden Prof. Dr. Nicola Buhlinger-Göpfarth und Dr. Markus Beier wurde die angespannte Lage der GKV-Finanzierung sowie die Herausforderungen durch den demografischen Wandel hervorgehoben. Die steigende Versorgungslast erfordert grundlegende Reformen. Beide Vorsitzenden betonten, dass die Sicherung der hausärztlichen Versorgung eine demokratiestärkende Wirkung hat und der Zugang zum Gesundheitssystem für alle gewährleistet bleiben muss.
Stärkung der hausärztlichen Teams und innovative Versorgung
Die Delegierten forderten gezielte Maßnahmen zur Fachkräftesicherung, Förderung neuer Qualifikationswege, Ausbau von Delegationsstrukturen und die finanzielle Absicherung innovativer Versorgungsmodelle wie das HÄPPI-Konzept. Die bundesweite Handlungsempfehlung zur sicheren Medikamentenverordnung in Heimen und beschützenden Einrichtungen soll mehr Handlungssicherheit und weniger Bürokratie in der Versorgung gewährleisten. Die Delegierten bekräftigten zudem die Notwendigkeit, hausärztliche Teams und Praxisstrukturen zu stärken, um die Versorgung insbesondere älterer und multimorbider Patient:innen zukunftssicher zu machen.
Vergütung, Bürokratie und Freiberuflichkeit
Ein weiteres Kernthema war die vollständige Vergütung aller hausärztlichen Leistungen. Die Delegierten forderten eine grundlegende Reform der Sicherstellungsfinanzierung und der Vorhaltepauschale, um Fehlanreize zu vermeiden und die Versorgung langfristig zu sichern. Maßnahmen zum Bürokratieabbau, insbesondere die Reduzierung der Regressflut und der Einsatz digitaler Algorithmen zur Fehlervermeidung, sollen die Arbeitsbedingungen in den Praxen spürbar verbessern. Die Abschaffung der Regressverfahren bei Arzneimittelverordnungen und die überfällige Reform der Gebührenordnung für Ärzt:innen (GOÄ) wurden ebenso gefordert. Die Freiberuflichkeit wurde als zentrales Fundament der hausärztlichen Versorgung hervorgehoben. Investorengetriebene, renditeorientierte MVZ-Strukturen werden abgelehnt; hausärztliche Einrichtungen sollen weiterhin in ärztlicher Hand bleiben, um Unabhängigkeit und Kontinuität zu sichern. Der Verband setzt sich zudem für eine extrabudgetäre Vergütung sprechender und koordinierender Leistungen sowie für den Rückbau regress- und budgetbedingter Eingriffe ein.
Digitalisierung praxisnah gestalten
Die Delegierten forderten eine praxisnahe, sichere und verlässliche Digitalisierung, darunter ein verbindliches HZV-Kennzeichen in den Versichertenstammdaten, eine stabile Telematikinfrastruktur (TI) unter Verantwortung der gematik sowie eine alltagstaugliche Weiterentwicklung der elektronischen Patientenakte (ePA). Auch technische Lösungen wie temporäre Ersatzdokumente bei Kartenverlust und die Einbindung strukturierter Laborbefunde in die ePA wurden als praxisrelevante Verbesserungen diskutiert. Die Delegierten betonten, dass die Digitalisierung sich an den Bedürfnissen der Versorgungspraxis orientieren und die sichere Arzneimittelversorgung für pflegebedürftige Menschen erleichtern muss.
Klima- und Gesundheitsschutz
Auch der Klima- und Gesundheitsschutz spielte eine wichtige Rolle. Die Delegierten befürworteten die Umsetzung der DEGAM-Leitlinie „Klimabewusste Verordnung von Inhalativa“ und forderten primärpräventive Maßnahmen zum Klimaschutz sowie die Einführung einer Zuckersteuer und ein Werbeverbot für zuckerhaltige Produkte, um Adipositas und Diabetes vorzubeugen. Die nachhaltige Versorgung wurde zudem durch die Forderung nach einer transparenten und nutzerorientierten Regelung für Wundversorgungsprodukte gestärkt, die auch nach dem 2. Dezember 2025 bei nachgewiesenem Nutzen weiter eingesetzt werden sollen.
Versorgung von Frauen und Diversität
Die Delegiertenversammlung setzte sich für eine bessere Versorgung von Patientinnen in den Wechseljahren und die Einführung einer standardisierten Menopause-Strategie unter hausärztlicher Steuerung ein. Auch die HPV-Impfberatung soll künftig verbindlicher Bestandteil der Vorsorgeuntersuchungen werden, um die Impfquote zu erhöhen und langfristig den Schutz vor HPV-bedingten Erkrankungen zu verbessern. Beim Einsatz von KI in der Medizin wurde die Nutzung geschlechtergerechter und diversitätsbewusster Datengrundlagen gefordert, um den Gender Data Gap zu verringern und die Versorgung aller Patient:innengruppen zu verbessern. Darüber hinaus bekräftigte der Verband sein Bekenntnis zu Toleranz und Vielfalt, das künftig auch bei Kooperationen und der Auswahl von Sponsoren konsequent beachtet werden soll.