02. Januar 2026
So geht HÄPPI: Ein Morgen in der Hausarztpraxis Urbach
HAEVBW
Das Praxisteam: qualifiziert und akademisiert
Es ist Montag, kurz vor acht Uhr. In den Hausarztpraxen im Land herrscht Hochbetrieb – so auch in der Praxis Urbach in Ravensburg. An diesem Morgen sind sechs der insgesamt neun Ärzt:innen und 20 der 24 Praxisteammitglieder im Einsatz. Mitten im gut strukturierten Trubel: Physician Assistant (PA) Vanessa Hirt. Durch ihr Studium hat sie die notwendigen Kompetenzen erworben, um verantwortungsvolle Aufgaben in der Patientenversorgung zu übernehmen – und genau das tut sie seit Anfang Oktober 2025 in der Hausarztpraxis Urbach. An diesem Tag unterstützt sie ihren Chef Dr. Rian Urbach in der Akutsprechstunde.
Zur Sprechstunde geht’s per Selbst-Check-in
Vanessa Hirts erster Patient, ein sichtlich angeschlagener Mann Mitte 50, betritt die Praxis wie alle Besucher der Akutsprechstunde durch einen separaten Eingang. Eine Anmeldung und einen Wartebereich gibt es in diesem Teil der Praxis aus Gründen des Infektionsschutzes nicht. Stattdessen nutzt der Mann zwischen zwei Hustenattacken ein Check-in-Terminal, um dann direkt ins Behandlungszimmer zu gehen, wo Vanessa Hirt ihn bereits erwartet. Im Nebenraum, nur durch eine Scheibe getrennt, telefoniert ihr Chef Rian Urbach gerade mit einer Patientin, um die Ergebnisse ihrer Blutuntersuchung zu besprechen. Vanessa Hirt stellt währenddessen Nachfragen zum Gesundheitszustand ihres Patienten, misst Fieber, kontrolliert den Blutdruck und hört die Lunge ab. Den Befund gibt sie über ein Tablet in das Praxisverwaltungssystem ein – und hat darüber auch den direkten Draht zu Rian Urbach. „Bei unklaren Fällen kann ich jederzeit Rücksprache halten – das gibt Sicherheit, auch für die Patient:innen. Außerdem prüft der ärztliche Kollege die Therapievorschläge und gibt die Diagnose sowie die Verordnung verschreibungspflichtiger Medikamente frei“, erklärt die PA.
Interprofessionelle Versorgung
Bisher lag die Akutsprechstunde ausschließlich bei Dr. Rian Urbach. Das soll sich nun grundlegend ändern: Das Ziel der Praxis in Ravensburg ist es, dass nichtärztliche akademisierte Gesundheitsberufler wie Vanessa Hirt die Krankheitsfälle „filtern“ und einfache Behandlungsanlässe wie Harnwegsinfekte oder Rückenschmerzen übernehmen – immer unter der Prämisse, dass ein ärztlicher Kollege hinzugezogen werden kann. „Durch diese Aufgabenteilung kann sich das ärztliche Team ganz gezielt auf Patient:innen mit komplexeren Erkrankungen konzentrieren“, so Rian Urbach.
Umfrage spricht für HÄPPI
Dass die Bevölkerung die Versorgung im interprofessionellen Praxisteam, wie sie im HÄPPI gelebt wird, mitträgt, zeigt eine repräsentative Civey-Umfrage, die im September 2025 im Auftrag des Hausärzt:innen- und Hausärzteverbands durchgeführt wurde. Von den 5.000 befragten Bundesbürger:innen gaben 70 Prozent an, dass sie bereit wären, einfache Anliegen wie zum Beispiel eine Erkältung nicht von einem Hausarzt oder einer Hausärztin, sondern von einer akademisierten Fachkraft betreuen zu lassen – sofern bei Bedarf ein Arzt oder eine Ärztin hinzugezogen werden kann.
Digitalisierung entlastet
Inzwischen ist es halb zwölf – kurz vor der Mittagspause geht es in der Praxis in Ravensburg noch einmal hoch her. Ein Team aus medizinischen Fachangestellten managt routiniert den Empfang. Patient:innen werden begrüßt, elektronische Gesundheitskarten eingelesen und ganz nebenbei läuft auch die digitale Rezeption auf Hochtouren: 70 Prozent der Sprechstundentermine werden inzwischen online vergeben. Ein Termintelefon gibt es dennoch – die KI-gesteuerte Telefonsoftware filtert und verschriftlicht die Mehrzahl der Anliegen. Dazu gehören Rezeptbestellungen, Überweisungsanfragen oder auch Laborrückfragen. „Das meiste davon kann mit zwei Klicks erledigt werden“, sagt Praxismanagerin Natalie Obholz. Dass Digitalisierung menschliche Ressourcen freisetzt, zeigt sich in der Praxis inzwischen deutlich: „Früher waren fünf Kolleginnen am Telefon eingebunden, inzwischen genügt eine“, so Dr. Rian Urbach.
HZV als Teil des Erfolgsrezepts
Aktuell führt der 34-Jährige die Praxis als Berufsausübungsgemeinschaft mit seinem Vater Rainer Urbach. Im Januar steigt dann noch Rian Urbachs Bruder, der bisher als Internist in der Schweiz arbeitet, in das Familienunternehmen ein, um es in zweiter Generation weiterzuführen. Wichtiger Bestandteil des Erfolgsrezepts ist die Hausarztzentrierte Versorgung. „Mein Vater war unter den Pionieren der HZV, das Thema lief aber lange unter dem Radar. Seit eineinhalb Jahren schreiben wir nun sehr aktiv ein und konnten die Zahl unserer HZV-Patient:innen vervielfachen. Der Anteil liegt inzwischen bei rund 80 Prozent.“
Vom HZV- zum HÄPPI-Pionier
Wie schon sein Vater ist auch Rian Urbach ein Pionier: Mit der Entscheidung, HÄPPI-Praxis zu werden, gehört er zu den ersten Hausärzt:innen in Baden-Württemberg, die das Konzept im Praxisalltag leben. Digitalisierung und der Einsatz nichtärztlicher akademischer Gesundheitsberufe sind zwei wesentliche Aspekte, die auf das übergeordnete Ziel einzahlen: Mehr Patient:innen zu versorgen. Neben dem demografischen Wandel sind es auch ökonomische Gründe, die das Vater-Sohn-Team antreiben: „Angesichts steigender Kosten müssen wir unsere Effizienz steigern, um wirtschaftlich zu arbeiten. Die Strukturen im HÄPPI schaffen hierfür ideale Voraussetzungen.“
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