06. März 2026
HÄVBW fordert: Primärversorgung gehört in die Hausarztpraxis – HZV als Basis für Bundesreform nutzen
Ronny Zimmermann / 24passion
Stuttgart, 06.03.2026 – Der Hausärztinnen- und Hausärzteverband Baden-Württemberg (HÄVBW) fordert die Bundesregierung auf, das geplante verbindliche Primärversorgungssystem konsequent auf der Hausarztpraxis als koordinierender Instanz aufzubauen. Grundlage müsse die umsetzungserprobte und bewährte Hausarztzentrierte Versorgung (HZV) sein, beschlossen die Delegierten auf dem 24. Baden-Württembergischen Hausärztinnen- und Hausärztetag in Stuttgart.
Deutschland investiert enorme Summen in sein Gesundheitswesen, ohne dass sich diese Ausgaben in einer besseren Versorgungsqualität oder höheren Lebenserwartung niederschlagen. „Dass die Bundesregierung mehr Steuerung und Verbindlichkeit ins System bringen möchte, ist ein richtiger und überfälliger Schritt“, sagt Prof. Dr. Nicola Buhlinger-Göpfarth, Co-Vorsitzende des HÄVBW und Bundesvorsitzende. „Entscheidend ist jetzt, den Weg konsequent zu Ende zu gehen. Ein System, in dem jeder ein bisschen steuert, ist kein Primärversorgungssystem. Es braucht eine zentrale Stelle, an der die Fäden zusammenlaufen – und die heißt: Hausarztpraxis.“
Ein verbindliches Primärversorgungssystem dürfe nicht durch parallele Erstzugänge zersplittert werden. Digitale Ersteinschätzungen ohne hausärztliche Anbindung oder eine 116 117, die als reine Überweisungshotline fungiert, lehnt der Verband ab – sie konterkarierten die Zielsetzung eines verbindlichen Primärversorgungssystems. Verbindliche hausärztliche Koordination schaffe Orientierung, Transparenz und Kontinuität in der Versorgung.
Der HÄVBW verweist auf die Erfahrungen in Baden-Württemberg: Über 3,3 Millionen Versicherte sind im Land in die HZV eingeschrieben, bundesweit mehr als 10 Millionen. Rund zwei Drittel der Hausarztpraxen in Baden-Württemberg bieten die HZV an. „Mit der HZV haben wir ein etabliertes und millionenfach erprobtes Primärversorgungssystem – mit hoher Akzeptanz bei Versicherten und wissenschaftlich belegten Vorteilen: bessere Koordination, höhere Patientensicherheit, wirtschaftlichere Versorgung und Entlastung der Kliniken“, sagt Dr. Susanne Bublitz, Co-Vorsitzende des HÄVBW und Hausärztin in Pfedelbach. „Die Bundesregierung muss das Rad nicht neu erfinden – sie muss auf dieses System aufsetzen."
Zugleich brauche es gezielte Investitionen in die hausärztliche Versorgung. Mit dem HÄPPI-Konzept entwickelt der HÄVBW Hausarztpraxen in der HZV zu interprofessionellen Teampraxen weiter – mit erweiterten Kompetenzen im Praxisteam und digitaler Unterstützung. „Wir zeigen in Baden-Württemberg bereits heute, wie Hausarztpraxen durch Teamarbeit und digitale Prozesse mehr Versorgung leisten können. Das ist keine Theorie, das ist gelebte Praxis in der HZV“, so Bublitz. Eine aktuelle Studie (März 2026) der Bertelsmann Stiftung stützt diesen Ansatz: Wenn Delegation systematisch genutzt wird, kann die hausärztliche Versorgung trotz Ärztemangel gesichert werden. Unter den untersuchten Praxen war auch eine HÄPPI-Praxis aus Baden-Württemberg.
Die Delegierten fordern die Bundesregierung auf, die Erfahrungen aus 18 Jahren HZV in Baden-Württemberg systematisch in die Bundesreform einzubeziehen. Ein Primärversorgungssystem müsse auf bestehenden, evaluierten Strukturen aufgebaut werden – nicht an ihnen vorbei.
-> Zum Leitantrag der Delegiertenversammlung
-> Mehr zur Delegiertenversammlung
-> Mehr zur Vorstandswahl
-> Pressefotos: (c) Ronny Zimmermann / 24passion
-> Pressemitteilung als pdf
Hintergrund
Über die Hausarztzentrierte Versorgung (HZV)
Die Hausarztzentrierte Versorgung (HZV) ist ein freiwilliges Versorgungsangebot, in dem Versicherte sich für eine Hausarztpraxis als ersten Ansprechpartner entscheiden. Die Hausarztpraxis koordiniert die Behandlung und bindet bei Bedarf gezielt spezialisierte fachärztliche Strukturen ein. In Baden-Württemberg bestehen mit nahezu allen Krankenkassen Hausarztverträge, in die über 3,3 Millionen Versicherte eingeschrieben sind. Bundesweit sind es 10 Millionen Versicherte. Die Effekte der HZV werden regelmäßig durch die Universitäten Heidelberg und Frankfurt wissenschaftlich hinsichtlich Versorgungsqualität und Wirtschaftlichkeit evaluiert.
Zu den aktuellen Ergebnissen: haevbw.de/evaluation
Über das Versorgungskonzept HÄPPI
HÄPPI (Hausärztliches Primärversorgungszentrum – Patientenversorgung interprofessionell) ist ein Konzept des Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes, das auf der HZV aufsetzt und Hausarztpraxen zu Teampraxen weiterentwickelt. Hausärztinnen und Hausärzte arbeiten eng mit akademischen und nicht-akademischen Gesundheitsberufen zusammen, nutzen digitale Prozesse und richten die Versorgung an den Bedürfnissen der Patient:innen aus. In einer bundesweit ersten Pilotphase wurde HÄPPI 2024 in zehn HZV-Praxen unter wissenschaftlicher Begleitung der Universität Heidelberg erprobt und vom Land Baden-Württemberg gefördert – insbesondere mit Blick auf die Stärkung der hausärztlichen Versorgung im ländlichen Raum. Inzwischen ist HÄPPI in Baden-Württemberg mit eigener Vergütung im Regelbetrieb im HZV-Vertrag mit der AOK Baden-Württemberg verankert.
Weitere Informationen: haevbw.de/haeppi
Über den Hausärztinnen- und Hausärzteverband Baden-Württemberg
Der Hausärztinnen- und Hausärzteverband Baden-Württemberg ist einer von 18 Landesverbänden des Hausärztinnen- und Hausärzteverbands. Er vertritt die Interessen von über 4.600 Hausärztinnen und Hausärzten in Baden-Württemberg gegenüber der Ärztekammer, der Kassenärztlichen Vereinigung, den Krankenkassen und den Landesministerien. Alle Aktivitäten des HÄVBW sind auf der Website des Landesverbandes (haevbw.de) ersichtlich.
Kontakt (Pressestelle):
HÄVBW, Tel.: 0711 21747-547, presse@haevbw.de